Forschungsbereich Tierschutz, Pferdehaltung und Reitlehre

Eine tierartgerechte Haltung, Aufzucht und Ausbildung sollte heute in Pferdezucht und Pferdesport selbstverständlich sein. Haltungssysteme, Trainingsmethoden und weitere Anforderungen, die die natürliche Verhaltensweisen der Pferde nicht berücksichtigen oder mit Belastungen für die Tiere verbunden sind, werden darüber hinaus auch in Öffentlichkeit zunehmend kritisch gesehen und oft emotional diskutiert. Bei diesen Diskussionen kann in vielen Fällen nicht auf objektive Informationen zurückgegriffen werden. Das Graf-Lehndorff-Institut sieht sich hier als eine unabhängige Forschungseinrichtung, die wissenschaftlich gesicherte Daten zur Pferdehaltung und Reitlehre unter Tierschutzaspekten erarbeitet. In diesem Bereich werden folgende Forschungsthemen bearbeitet.

Belastung und Stress von Sportpferden bei Training, Wettbewerben und Transporten

In dem Forschungsprojekt wird die Belastung von Sportpferden beim Anreiten, Training und bei der Teilnahme an Wettkämpfen oder Schauen sowie bei Transporten Entfernungen untersucht. Kooperationpartner ist die Ecole nationale d´équitation in Saumur, Frankreich.

Reitpferde sind verschiedensten Stressoren ausgesetzt. In welchem Ausmaß jedoch individuelle Situationen wie das erste Anreiten, Turnierstarts oder längere Transporte von Pferden tatsächlich als Stress empfunden werden, ist oft unklar. Stress bei Tieren kann z.B. anhand von Verhaltensparametern oder der Konzentration von Stresshormonen beurteilt werden. Verhaltensbeobachtungen kommen während des Reitens oder Transportierens von Pferden nur bedingt in Frage. Mit neuen Methoden kann das Stresshormon Kortisol im Speichel von Pferden gemessen werden. Als weiterer Stressparameter wird die Herzfrequenzvariabilität, d.h. kurzfristige, nur wenige Schläge dauernde Veränderungen der Herzfrequenz, bestimmt. Die Herzfrequenzvariabilität nimmt unter Stresseinfluss ab. Die Messung der Herzfrequenz erfolgt mit Elektroden, die über einem Brustgurt am Pferd befestigt werden. Die Daten werden mittels Speicheruhren, wie sie zur Trainingsüberwachung beim Menschen entwickelt wurden, registriert und auf einen PC zur Auswertung übertragen. Thematik des Forschungsvorhabens ist eine Stressbestimmung bei Reitpferden im Training, bei der Wettkampfteilnahme und während Pferdetransporten.

In einem weiteren Teilprojekt wurde die Belastung von Pferden beim Longieren mit Ausbinden in Hyperflexionsposition („Rollkur“) untersucht. Die Hyperflexion als Ausbildungsmethode wird vor allem im Dressursport kontrovers diskutiert – weil es dazu bislang kaum kritische Untersuchungen gibt, fehlt diesen Diskussionen aber eine wissenschaftliche Basis. In dem Projekt kommen neben der Kortisolbestimmung und Analyse der Herzfrequenzvariabilität weitere Untersuchungsverfahren zur Anwendung: Mittels Thermographie wird die Oberflächentemperatur der Pferde bestimmt. Dadurch können z.B. schlecht durchblutete und damit potentiell schmerzhafte Areale erfasst werden.

Beschreibung: Trab hinter der Senkrechten Kopie  Beschreibung: Trab an der Senkrechten Kopie
Thermografie: Bestimmung der Körperoberflächentemperatur bei Pferden
mit unterschiedlich enger Kopf-Hals-Haltung

Transporte

Grundsätzlich sind Transporte für Pferde stressiger als Reiten. Bereits bei Kurzstreckentransporten erreichen die Kortisolkonzentrationen im Speichel Werte die um das vierfache über denen liegen, die während des Reitens gemessen werden. Bei wiederholten Transporten erfolgt jedoch eine Gewöhnung der Pferde. Auch wenn die Freisetzung des Stresshormons Kortisol nie auf Null geht, wird sie doch mit jedem Transport geringer. Mit Ruhe und ständigem Wiederholen kann man Pferde an neue Situationen gewöhnen, so dass diese immer weniger als Stress empfunden werden.   

  Beschreibung: Bild10
Stressforschung bei Pferdetransporten: Unterwegs zwischen Saumur und Neustadt

Reiten

Während des Anreitens von jungen Pferden wurden über 3 Monate vor, während und nach dem Reiten Speichelproben zur Kortisolanalyse genommen und Veränderungen der Herzfrequenz aufgezeichnet. Die Pferde wurden zunächst mit Sattel und Trense in der Reithalle frei bewegt, dann Woche longiert und ab der 4. Woche geritten.

Jede Trainingseinheit führte – wie zu erwarten – zu einer vorübergehenden Zunahme der Herzfrequenz und der Kortisolkonzentration im Speichel. Die deutlichste Zunahme der Herzfrequenz und Abnahme der Herzfrequenzvariabilität erfolgte bei jungen Pferden jedoch während des ersten Aufsitzens eines Reiters. Wurden die Pferde dann angeführt und bewegt, nahmen Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität dann bereits wieder ab. Das Aufsitzen eines Reiters stellt damit für junge Pferde einen deutlichen Stressor dar. Möglicherweise löst der Reiter auf dem Rücken des Tieres und außerhalb von dessen Gesichtfeld ähnliche Reaktionen aus, wie bei freilebenden Pferden ein Raubtier in der gleichen Position. In der Bewegung erfolgt dann bereits wieder – wie auch vom Menschen bekannt - eine gewisse Entspannung des Pferdes  

Pferd und Reiter

In einem gemeinsamen Forschungsvorhaben untersuchen Wissenschaftler des Graf-Lehndorff-Instituts und der Ecole Nationale d`Equitation in Saumur, Frankreich, wie sich Stress vom Pferd auf den Reiter und umgekehrt überträgt. Dazu werden bei Reiter und Pferd im Training und im Wettkampf in den drei Disziplinen Springen, Dressur und Vielseitigkeit verschie­dene physiologische Stressparameter bestimmt. Ziel des Forschungsvorhabens ist es, den Einfluss des Reiters auf Stressreaktionen seines Pferdes zu untersuchen. Die Forschungsergebnisse sollen dazu beitragen, Fehleinschätzungen der Belastbarkeit seines Pferdes durch den Reiter zu vermeiden und damit Unfällen im Pferdesport vorzubeugen.

Stressvermeidung bei der Aufzucht von Pferden

Die Aufzucht von Jungpferden soll nicht nur gesund, sondern auch tierartgerecht und mit möglichst wenig Belastung der Tiere erfolgen. Zahlreiche Situationen, mit denen denen junge Pferde sich auseinandersetzen müssen, stellen potentielle Stressoren dar. Dazu gehören z.B. das Absetzen von der Mutter, die Zusammenstellung neuer Gruppen oder der Veränderungen des Aufstallungssystems. An den Pferden des Neustädter Hauptgestüt erfolgen zahlreiche Studien des Graf Lehndorff Instituts zum Pferdeverhalten und zur tierartgerechten Aufzucht von Jungpferden.

Kennzeichnung von Fohlen mittels Brandzeichen und Mikrochip

Jedes Pferd in den Ländern der EU muss eindeutig gekennzeichnet und damit jederzeit identifizierbar sein. Traditionell erfolgt in Deutschland und Österreich die Kennzeichnung im Fohlenalter mittels Brandzeichen (Heißbrand). Seit 2010 ist jedoch in Deutschland die Kennzeichnung von Pferden grundsätzlich mittels Mikrochip (Transponder) vorgeschrieben und Brandzeichen können allenfalls zusätzlich verwendet werden. Kontrovers diskutiert wird derzeit die Frage, inwieweit Heißbrand, Mikrochip oder kombinierte Kennzeichnung eine Belastung für die Fohlen darstellen und ob unter Tierschutzaspekten nicht die alleinige Kennzeichnung mittels Transponder vorzuziehen ist. Dieser Frage wird am Graf-Lehndorff-Institut in kontrollierten Studien nachgegangen.

Im Zusammenhang mit der Fohlenkennzeichnung interessiert aber nicht nur die mögliche Belastung der Fohlen beim Brennen oder der Implantation eines Mikrochips, sondern auch die Erkennbarkeit der Kennzeichnung. Diese Frage wird in Zusammenarbeit mit dem Landespferdesportverband Berlin-Brandenburg und dem Pferdezuchtverband Brandenburg-Anhalt untersucht.